Branchen-EPD oder spezifische EPD: wann der Durchschnitt nicht mehr reicht

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Zusammenfassung

  • Eine Branchen-EPD gibt einen gemeinsamen Wert für die ganze Branche an, den Durchschnitt oder den Worst Case, sodass ein besseres Produkt darin nicht sichtbar wird.
  • Zertifizierungen machen spezifische EPDs wertvoll: In BREEAM V7 bringt eine EPD für ein bestimmtes Produkt 1,5 statt 0,5 Punkte, bei der DGNB verbessert ein besseres Produkt direkt das Ergebnis der Gebäudeökobilanz.
  • Laut einer Umfrage von DGNB und BPIE (2024) unter 59 Bauproduktherstellern nutzen 44 % Branchen-EPDs, doch die Studie zeigt einen Trend zu spezifischen EPDs.

Zwei Hersteller liefern ein ähnliches Produkt, und beide haben bessere Umweltwerte als der Branchendurchschnitt. Hersteller A hat eine eigene Umweltproduktdeklaration (Environmental Product Declaration, EPD). In der Gebäudeökobilanz setzt der Planer deshalb den guten Wert von A ein. Hersteller B ist über die Branchen-EPD seines Verbands abgedeckt. Für sein Produkt rechnet der Planer mit dem Branchendurchschnitt. Beide Produkte sind gleich gut, doch in der Bilanz sieht B schlechter aus.

Viele Hersteller sind heute über eine Branchen- oder Verbands-EPD abgedeckt. Das ist ein günstiger Einstieg, und für manche Produkte reicht er. Mit Gebäudezertifizierungen, der EU-Gebäuderichtlinie und der neuen Bauproduktenverordnung zählt aber zunehmend der Wert Ihres Produkts.

Dieser Artikel zeigt, was beide EPD-Arten leisten, wann eine Branchen-EPD noch reicht und wann sich eine spezifische EPD lohnt.

1. Branchen-EPD und spezifische EPD im Überblick

Die Branchen-EPD (oft auch Verbands-EPD genannt) und die spezifische EPD, also die eigene EPD eines Herstellers, sind beide verifizierte EPDs nach EN 15804+A2. Der Unterschied liegt darin, wessen Produkt sie beschreiben.

Branchen-EPDSpezifische EPD
Wer veröffentlichtVerbandEin Hersteller
Was abgebildet wirdDurchschnitt oder Worst Case der BrancheDie eigenen Produkte eines Herstellers
PrüfungExterne Verifizierung nach ISO 14025Externe Verifizierung nach ISO 14025

Beide Typen sind verbreitet. In der ÖKOBAUDAT, der Datenbank des Bundes für Gebäudeökobilanzen, waren im September 2024 rund 43 % der Herstellungsdatensätze spezifische EPDs und 24 % Branchen-EPDs, der Rest generische Daten (DGNB und BPIE, 2024).

2. Branchen-EPDs: was sie leisten und wann sie reichen

2.1 Was eine Branchen-EPD leistet

Eine Branchen-EPD bewahrt Ihr Produkt vor generischen Daten. Ohne EPD rechnen Planer mit Werten aus Datenbanken wie der ÖKOBAUDAT oder der niederländischen NMD, die bewusst einen Sicherheitszuschlag von bis zu 30 % enthalten. Mit einer Branchen-EPD rechnen sie stattdessen mit verifizierten Branchenwerten.

Viele Hersteller gehen diesen Weg: In einer Umfrage von DGNB und BPIE unter 59 Bauproduktherstellern gaben 44 % an, Branchen-EPDs zu nutzen (2024). Die Kosten tragen die Hersteller gemeinsam, oft über den Verband, was die Kosten je Unternehmen senkt. Damit erfüllen sie die Grundanforderung, dass für ihr Produkt eine EPD vorliegt.

Branchen-EPDs gibt es in zwei Varianten: als Durchschnitt der Branche oder als Muster-EPD, die bewusst den Worst Case abbildet, also das Produkt mit den höchsten Umweltwirkungen (so beschreiben es die ÖKOBAUDAT und das Institut Bauen und Umwelt). Ein vereinfachtes Beispiel: Drei Hersteller kommen auf 80, 100 und 120 kg CO₂-Äquivalente pro Tonne. Eine Durchschnitts-EPD weist für alle 100 kg aus, eine Muster-EPD 120 kg. Mit einer spezifischen EPD könnte der beste Hersteller seine 80 kg zeigen.

Wie gut der Durchschnitt Ihr Produkt beschreibt, hängt von der Streuung ab. Der Programmbetreiber EPD Global (ehemals EPD Norge) setzt für Branchen-EPDs keine Grenze, wie stark die Werte der beteiligten Hersteller voneinander abweichen dürfen. Er empfiehlt nur, die Spannbreite anzugeben (2022).

2.2 Wann eine Branchen-EPD heute reicht

Aus unseren Gesprächen mit Herstellern wissen wir, dass eine Branchen-EPD heute vor allem in drei Fällen reicht:

  • Ihre Kunden fragen nicht nach spezifischen Daten.
  • Ihr Produkt ist stark standardisiert, und die Werte der Hersteller liegen nah beieinander.
  • Ihre Zielmärkte verlangen für Ausschreibungen und Zertifizierungen keine spezifischen Werte.

Das kann sich aber schnell ändern. Nach unserer Erfahrung fragen Kunden zunehmend nach spezifischen Werten, und Gebäudezertifizierungen belohnen sie, wie Abschnitt 3 zeigt. Hinzu kommt die Bauproduktenverordnung (EU) 2024/3110: Mit ihr werden Umweltdaten schrittweise Teil der Leistungserklärung (mehr dazu in unserem Artikel zu den CPR-Umweltindikatoren).

3. Spezifische EPDs: was sie leisten

Eine spezifische EPD bringt den Wert Ihres Produkts in die Gebäudeökobilanz. Damit können Sie Kundenanfragen bedienen, ein besseres Produkt sichtbar machen, in Gebäudezertifizierungen punkten und Ihre Produkte gezielt verbessern.

Flussdiagramm: Ihr Werk fließt in eine spezifische EPD, die beteiligten Werke zusammen in eine Branchen-EPD, beide liefern den Datensatz für die Gebäudeökobilanz
Diagramm 1: Nur mit einer spezifischen EPD rechnet der Planer mit Ihrem eigenen Wert

3.1 Kundenanfragen bedienen

Wir hören immer wieder, dass Kunden gezielt nach spezifischen EPDs fragen, zum Beispiel beim Bau von Rechenzentren. Wer eine solche Anfrage nicht bedienen kann, riskiert den Auftrag. Erst dann Daten zu sammeln und eine spezifische EPD zu erstellen, dauert meist zu lange. Wer seine wichtigsten Produkte schon abgedeckt hat, kann sofort liefern.

3.2 Sichtbarkeit für ein besseres Produkt

Ein Durchschnitt macht gute Werte unsichtbar. Laut EPD Global belohnt eine Branchen-EPD die Werke mit den schlechtesten Ergebnissen und bestraft die besten. Auch laut einer Studie von DGNB und BPIE können sich Hersteller mit einer Branchen-EPD nicht über ökologisch bessere Produkte vom Wettbewerb abheben. Mit einer spezifischen EPD werden dagegen auch Verbesserungen sichtbar: Stellt ein Hersteller zum Beispiel auf Ökostrom um, kann er den besseren Wert mit einer aktualisierten EPD direkt zeigen. In einer Branchen-EPD geht dieser Vorteil im Durchschnitt unter.

Die Interviews der Studie zeigen einen Trend zu spezifischen EPDs. Dieser Trend ist nicht auf Deutschland beschränkt. In Italien sind die Fliesenhersteller über die Branchen-EPD ihres Verbands Confindustria Ceramica abgedeckt, die mehr als 82 % der italienischen Produktion abbildet. Trotzdem beobachten wir in unseren Gesprächen mit Herstellern seit 2024 einen Wechsel zu spezifischen EPDs. So hat etwa der Fliesenhersteller Ceramiche CCV Castelvetro, selbst Mitglied von Confindustria Ceramica, eine spezifische EPD für seine Fliesenkollektion „Outfit 2.0“ veröffentlicht. Als Anlass nennen die Hersteller zuerst öffentliche Ausschreibungen nach den italienischen Umweltkriterien CAM, danach den Wettbewerb: Sobald sich ein Hersteller mit einer spezifischen EPD abhebt, ziehen andere nach, um nicht zurückzufallen.

3.3 Gebäudezertifizierungen

Bei der DGNB gibt es Punkte für das Ergebnis der Gebäudeökobilanz. Planer sollen dafür EPDs der tatsächlich eingebauten Produkte verwenden (DGNB-Kriterienkatalog Neubau, Version 2023.2, Kriterium ENV1.1). Ein Produkt, das besser ist als der Branchendurchschnitt, verbessert mit einer spezifischen EPD also direkt das Ergebnis.

In BREEAM V7 zählt zusätzlich der EPD-Typ selbst. Im Kriterium Mat 02, das Punkte für EPDs der eingebauten Produkte vergibt, bringt eine Branchen-EPD 0,5 Punkte, eine produktspezifische EPD 1,5 Punkte. Für Hersteller, die an BREEAM-Projekte liefern, ist das ein direkter Vorteil. Die Details stehen in unserem Artikel Wie EPDs bei BREEAM punkten.

3.4 Produkte analysieren und verbessern

Mit den Daten einer spezifischen EPD können Sie Ihre Produkte analysieren. Die Ökobilanz dahinter zeigt, wo die größten Umweltwirkungen entstehen, die sogenannten Hotspots. Auf Plattformen wie Emidat sehen Sie diese nach Lebenszyklusphase und Material aufgeschlüsselt und erkennen, wo sich Verbesserungen lohnen. Laut DGNB und BPIE haben 32 % der befragten Hersteller nach ihren Ökobilanz-Ergebnissen bereits Änderungen in der Produktion angestoßen (2024).

4. Entscheidungshilfe: fünf Fragen und drei Schritte

Fünf Fragen zeigen, ob sich eine spezifische EPD für Ihre Produkte lohnt:

  1. Fragen Ihre Kunden nach spezifischen Daten?
  2. Verlangen Ausschreibungen oder Zertifizierungen in Ihren Märkten spezifische EPD-Werte?
  3. Unterscheidet sich Ihr Produkt in Rezeptur oder Herstellung deutlich vom Wettbewerb?
  4. Wollen Sie sich über Umweltdaten vom Wettbewerb abheben?
  5. Wollen Sie wissen, wo Sie bei Ihrem Produkt mit Verbesserungen ansetzen können?

Wenn Sie mehrere Fragen mit Ja beantworten, empfehlen wir eine spezifische EPD. Diese drei Schritte helfen beim Einstieg:

1. Prüfen Sie bestehende EPDs

Ist Ihre Branchen-EPD in der ÖKOBAUDAT gelistet, steht der Typ im Datensatz (Average, Representative oder Template). Ist es eine Muster-EPD, stellt sie Ihr Produkt als Worst Case dar. In Emidat Atlas und im ECO Portal der ECO Platform sehen Sie außerdem, welche Wettbewerber schon spezifische EPDs veröffentlicht haben.

2. Beginnen Sie mit den relevantesten Produkten

Eine spezifische EPD ist am relevantesten für Produkte, die Sie in großen Mengen verkaufen, die viel zur Gebäudeökobilanz beitragen oder die besonders umweltfreundlich sind. Starten Sie mit diesen Produktlinien und mit den Märkten, in denen Kunden heute schon nach EPD-Werten fragen.

3. Automatisieren Sie Ihre EPD-Erstellung

Spezifische EPDs lassen sich heute auch für viele Produkte effizient erstellen. Der Trend geht zu Plattformen wie Emidat, die die Erstellung automatisieren. Hersteller laden ihre Daten per Bulk-Upload hoch und erstellen spezifische EPDs selbst, ohne zusätzliche Verifizierungskosten je EPD.

FAQ

Brauche ich eine spezifische EPD, wenn mein Verband eine Branchen-EPD hat?

Ja, wenn Ihr Produkt besser ist als der Branchendurchschnitt. Nur mit einer spezifischen EPD fließt Ihr eigener Wert in die Gebäudeökobilanz. Dazu kommen Kunden, die gezielt nach spezifischen Daten fragen, und Zertifizierungen wie BREEAM, wo eine EPD für ein bestimmtes Produkt 1,5 statt 0,5 Punkte bringt.

Ist eine Verbands-EPD eine richtige EPD?

Ja. Eine Verbands- oder Branchen-EPD wird wie jede EPD nach EN 15804+A2 erstellt und extern nach ISO 14025 verifiziert. Sie beschreibt aber nicht ein einzelnes Produkt, sondern gibt einen gemeinsamen Wert für die Branche an, den Durchschnitt oder den Worst Case.

Zählt eine Branchen-EPD bei der DGNB?

Ja. Die DGNB erlaubt in Version 2023.2 für die Gebäudeökobilanz die ÖKOBAUDAT und verifizierte EPDs nach EN 15804 und unterscheidet dabei nicht nach EPD-Typ. Punkte gibt es für das Ergebnis der Gebäudeökobilanz. Eine spezifische EPD hilft deshalb, wenn ihre Werte besser sind als der Durchschnitt.

Kann ich eine Branchen-EPD und eine spezifische EPD parallel nutzen?

Ja, für verschiedene Produkte. Sinnvoll ist zum Beispiel, die wichtigsten Produkte mit spezifischen EPDs abzudecken und für den Rest die Branchen-EPD zu nutzen. Wir empfehlen, Planern klar zu sagen, welche EPD für welches Produkt gilt.

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