Wie Lieferantendaten Ihre EPD genauer machen

October 6, 2026

·

10 Min.

Last updated:
October 7, 2026

Key Summary

  • Primärdaten senken häufig Modul A1 (Rohstoffversorgung) einer EPD. Bei Produkten wie Beton oder Fenstern ist A1 meist der größte Treiber der Umweltwirkung.
  • Generische Daten sind bewusst konservativ. In Datenbanken wie der ÖKOBAUDAT und der niederländischen NMD tragen LCA-Datensätze Sicherheitsaufschläge zwischen 10 und 30 %.
  • Emissionsgrenzwerte für Gebäude, Unternehmensziele (SBTi) und Gebäudezertifizierungen (z. B. BREEAM) bringen Hersteller dazu, ihre EPD-Werte mit Primärdaten zu verbessern.

Viele Hersteller erstellen Umweltproduktdeklarationen (Environmental Product Declarations, EPDs), weil ihre Kunden danach fragen. Für immer mehr dieser Kunden ist die EPD aber kein Häkchen auf einer Liste. Die Ergebnisse werden gelesen, verglichen und in Kaufentscheidungen einbezogen. Wenn Ihre EPD neben der eines Wettbewerbers liegt, sollten die Zahlen darin Ihr Produkt beschreiben und nicht einen Branchendurchschnitt.

In den meisten EPDs steckt ein großer Teil der Umweltwirkung in den Rohstoffen. Dieser Teil des Ergebnisses hängt vor allem von Ihren Lieferanten ab, und davon, mit welchen Daten Sie diese modellieren. Dieser Artikel erklärt die zwei Datenarten in einer Ökobilanz (LCA, nach ISO 14040/14044), wie Primärdaten von Lieferanten die Genauigkeit gegenüber Sekundärdaten verbessern und warum das wirtschaftlich relevant ist.

‍

1. Primär- vs. Sekundärdaten in einer Ökobilanz

Eine Ökobilanz braucht Eingangsdaten für den gesamten Lebenszyklus: Einen Teil messen Hersteller im eigenen Werk (Strommix, Produktzusammensetzung, Abfall, Transport), ein Teil kommt von Ihren Lieferanten. Hersteller arbeiten dabei mit zwei Arten von Eingangsdaten: Primärdaten und Sekundärdaten. Beide werden unten erklärt, die Tabelle fasst sie zusammen:

‍

Primärdaten Sekundärdaten
Quelle Gemessen an dem Ort, an dem der Prozess stattfindet: in Ihrem Werk oder im Werk Ihres Lieferanten Hintergrunddatenbank eines Drittanbieters, z. B. ecoinvent
Bildet ab Das Material, das Sie tatsächlich einkaufen, und den Prozess, den Sie tatsächlich betreiben Einen typischen Branchendurchschnitt für einen Materialtyp und eine Region
Verifizierung Lieferantenangaben brauchen in der Regel eine von Dritten verifizierte EPD Datensätze aus etablierten Hintergrunddatenbanken werden akzeptiert

‍

1.1 Primärdaten (spezifische Daten)

Primärdaten oder spezifische Daten werden direkt an dem Ort gemessen, an dem die Aktivität stattfindet. Für Ihre eigenen Prozesse sind das Daten, die Sie intern erheben. Für Rohstoffe sind es Daten, die Ihre Lieferanten in ihrem Werk erheben.

Für einen verifizierten Product Carbon Footprint (PCF, ISO 14067), eine LCA oder eine EPD müssen diese Lieferantendaten der Verifizierung standhalten. Verifizierer hinterfragen unverifizierte Lieferantenangaben und verlangen häufig eine von Dritten verifizierte EPD (ISO 14025).

Die meisten verifizierten EPDs sind öffentlich zugänglich. Emidat Atlas, Emidats kostenlose öffentliche Datenbank zum Suchen und Vergleichen verifizierter EPDs, und das ECO Portal der ECO Platform sind gute Ausgangspunkte (lesen Sie dazu unseren Blogartikel, wo Sie eine EPD finden). Viele Rohstoffproduzenten haben bereits EPDs veröffentlicht, die Sie direkt nutzen können, zum Beispiel der Zementhersteller Schwenk Zement (siehe unten).

__wf_reserved_inherit

‍

Nicht jede öffentliche Lieferanten-EPD lässt sich direkt in Ihre eigene Berechnung einbinden. Sie muss EN 15804+A2 folgen, eine vergleichbare deklarierte Einheit ausweisen und noch gültig sein (EPDs laufen nach fünf Jahren ab). In der Emidat-Plattform läuft diese Eignungsprüfung automatisch, und Sie können alle gültigen EPDs direkt verknüpfen. Hat ein Lieferant noch keine EPD veröffentlicht, müssen Sie die Daten anfragen.

1.2 Sekundärdaten (generische Daten)

Sekundärdaten oder generische Daten stammen aus der Hintergrunddatenbank eines Drittanbieters. Sie bilden einen typischen Branchendurchschnitt für einen Materialtyp ab, nicht das konkrete Material, das in Ihrem Werk angeliefert wird. Die Datenbankanbieter erstellen sie aus branchenweiten Daten und aktualisieren sie regelmäßig.

Eine der am häufigsten genutzten Datenbanken für Ökobilanzen im Bauwesen ist ecoinvent. Weitere Optionen sind Spheras Managed LCA Content (ehemals GaBi) sowie materialspezifische Datenbanken wie Carbon Minds oder die Eco-Profiles von Plastics Europe.

Weil LCA-Ergebnisse unter der neuen Bauproduktenverordnung (Construction Products Regulation, CPR) Teil des Digitalen Produktpasses (DPP) werden, arbeitet auch die EU-Kommission an generischen Daten: Sie stellt die Charakterisierungsfaktoren für die Berechnung bereit (Verordnung (EU) 2024/3110, Erwägungsgrund 7) und hat deshalb begonnen, eine eigene Hintergrunddatenbank für Bauprodukte aufzubauen.

‍

2. Der Einfluss von Primärdaten auf eine Ökobilanz

Eine EPD weist Ergebnisse je Lebenszyklusmodul aus. Die Herstellungsphase umfasst die Module A1 bis A3: A1 ist die Rohstoffversorgung, A2 der Transport der Rohstoffe zu Ihrem Werk und A3 Ihre eigene Produktion. Primärdaten von Lieferanten wirken sich vor allem auf Modul A1 aus, da EN 15804+A2 für die Berechnung von Modul A3 ohnehin Ihre spezifischen Daten verlangt. Wie stark A1 im Endergebnis Ihrer EPD ins Gewicht fällt, hängt vom Produkt ab. Bei Herstellern, die zugekaufte Materialien verarbeiten, etwa bei Beton, Mörtel oder Fenstern, ist A1 in der Regel das größte Modul, und Lieferantendaten können das EPD-Ergebnis spürbar verbessern.

Dass das spezifische Ergebnis oft niedriger ausfällt, hat zwei Gründe. Erstens sind generische Daten (etwa aus ecoinvent) konservativ aufgebaut. Die ÖKOBAUDAT, die deutsche Datenbank für Umweltdaten von Bauprodukten, schlägt auf generische Datensätze einen Sicherheitsaufschlag zwischen 10 % und 30 % auf. Die niederländische Nationale Milieudatabase (NMD) rechnet mit einem Aufschlag von 30 % auf generische Daten. Ein Lieferant, der in seiner eigenen EPD nur den Branchendurchschnitt erreicht, schlägt den generischen Wert damit bereits. Und eine eigene EPD auf Basis generischer Daten weist höhere Werte aus als nötig.

EPD-Visual: generische vs. Lieferantendaten (de)
GWP des MaterialsBranchendurchschnittSicherheits-aufschlagGenerischer Datensatzmit SicherheitsaufschlagGenerischer Datensatz(Branchendurchschnitt)Verifizierte EPDIhres Lieferanten

‍

Zweitens verdecken generische Daten die eigenen Nachhaltigkeitsbemühungen Ihres Lieferanten. Ähnliche Produkte verschiedener Lieferanten tragen dieselbe Umweltwirkung, unabhängig davon, was diese Lieferanten unternommen haben. Die tatsächlichen Wirkungen können je nach Rezeptur und Prozess stark variieren. Bei Zement machen zum Beispiel Klinkeranteil, Brennstoffmix und Strommix einen großen Unterschied. Primärdaten bilden die tatsächliche Produktion Ihres Lieferanten ab, für ein einzelnes Werk oder als Durchschnitt über seine Werke.

Ein Lieferant kann auch schlechter als der Durchschnitt sein, und Primärdaten zeigen auch das. Auch das ist wertvoll: Sie erfahren, was Ihre Lieferkette tatsächlich beiträgt, und haben eine Grundlage, um sie zu verbessern, sei es gemeinsam mit dem Lieferanten oder durch einen Wechsel.

3. Drei Markttreiber, die niedrigere EPD-Werte belohnen

Drei Markttreiber belohnen niedrigere EPD-Werte. Welcher am meisten zählt, hängt davon ab, wo Sie verkaufen: nationale Emissionsgrenzwerte heute in Dänemark, Frankreich und den Niederlanden und als Nächstes in den übrigen nordischen Ländern, Scope-3-Anforderungen überall dort, wo Sie große Unternehmen beliefern, und Gebäudezertifizierungen in fast jedem Markt.

Markttreiber, die niedrigere EPD-Werte belohnen
Emissionsgrenzwerte für Gebäude
Scope-3-Ziele von Unternehmen
Gebäudezertifizierungen

‍

3.1 Emissionsgrenzwerte für Gebäude

Emissionsgrenzwerte für Gebäude begrenzen die CO2-Emissionen des gesamten Gebäudes, einschließlich seiner Materialien.

Nationale Emissionsgrenzwerte

Grenzwerte gelten oder werden eingeführt vor allem in den nordischen Ländern (Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen), in Frankreich und in den Niederlanden. Das nationale Baurecht verlangt, dass Gebäude je nach Gebäudetyp unter einem definierten Grenzwert pro Quadratmeter bleiben. Dänemark und Frankreich begrenzen CO2e; die Niederlande setzen einen Schattenpreis-Grenzwert in Euro über mehrere Umweltindikatoren hinweg.

Projektentwickler in diesen Märkten führen bereits Gebäude-Ökobilanzen durch (EN 15978). Je strenger die Grenzwerte werden, desto stärker wählen sie Materialien auf Basis verifizierter Produktdaten aus. Jedes Kilogramm CO2, das ein Produkt in seiner EPD einspart, ist Spielraum für den Entwickler. Ein mit generischen Daten modelliertes Produkt zeigt diesen Vorteil nicht.

Energy Performance of Buildings Directive (EPBD)

Die EPBD verlangt die Berechnung und Offenlegung der Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus für neue Gebäude über 1.000 m² ab 2028 und für alle Neubauten ab 2030. Sie verpflichtet jeden Mitgliedstaat, nationale Grenzwerte festzulegen, die sich mit der Zeit verschärfen. Für den Beitrag der einzelnen Materialien dürfte die Berechnung auf die Umweltdaten in den Digitalen Produktpässen zurückgreifen, die die CPR vorschreibt.

3.2 Scope-3-Ziele von Unternehmen

Mehr als 10.000 Unternehmen haben Emissionsziele über die Science Based Targets initiative (SBTi) validieren lassen. Für die meisten bedeutet das Erreichen dieser Ziele, Scope-3-Emissionen zu senken, also Anforderungen an eingekaufte Materialien und an den Bau eigener Gebäude. Wenn Sie ein solches Unternehmen oder eines seiner Bauprojekte beliefern, wird es genaue Emissionsdaten zu Ihren Produkten anfordern und Ihre Werte bewerten.

Rechenzentrumsprojekte zeigen das bereits. Amazon hat die EPD-basierte Erfassung des grauen Kohlenstoffs (Embodied Carbon) in seine Bauverträge geschrieben und erklärt, dass Hersteller belohnt werden, wenn sie lieferkettenspezifische Primärdaten statt Durchschnittswerte nutzen. Microsoft steuert die Materialwahl in seinen Rechenzentren über von Dritten verifizierte EPDs.

Genaue Daten erlauben es Ihrem Kunden, seine Scope-3-Emissionen korrekt zu berechnen. Sobald er CO2-Grenzwerte für eingekaufte Materialien durchsetzt, gewinnt der Lieferant, der mit verifizierten Lieferantendaten ein niedrigeres Ergebnis vorweisen kann.

3.3 Gebäudezertifizierungen (BREEAM, LEED, DGNB)

Zertifizierungssysteme wie BREEAM, LEED und DGNB verlangen für die höheren Bewertungsstufen eine Gebäude-Ökobilanz, die an Benchmarks für grauen Kohlenstoff gemessen wird. BREEAM hat diese Anforderungen in der aktuellen Version BREEAM V7 verschärft und vergibt Punkte für produktspezifische EPDs.

Je genauer die Produktdaten, desto besser schneidet das Gebäude eines Entwicklers gegen diese Benchmarks ab und desto höher die erreichbare Bewertung. Auch hier kann Ihr Produkt den Kategoriedurchschnitt nur mit lieferantenspezifischen Daten unterbieten.

4. So bringen Sie Lieferantendaten in Ihre EPD

Wenn Sie bereits EPDs haben, starten Sie bei Schritt 2.

1. Die Ökobilanz mit den verfügbaren Daten modellieren

Nutzen Sie Primärdaten von Lieferanten, die bereits eine EPD haben, und Sekundärdaten dort, wo keine existiert. In der Emidat-Plattform können Sie alle verfügbaren Lieferanten-EPDs durchsuchen und direkt mit Ihrer Berechnung verknüpfen.

2. Hotspots identifizieren und Lieferantendaten anfragen

Mit einer ersten Ökobilanz sehen Sie, woher der Großteil der Umweltwirkung stammt. Fragen Sie für jedes Material, das einen großen Anteil ausmacht und noch keine EPD hat, Primärdaten beim Lieferanten an. Meist entfällt der Großteil von Modul A1 auf eine Handvoll Materialien, konzentrieren Sie sich also darauf. In der Emidat-Plattform lassen sich diese Anfragen automatisieren. Falls Sie noch eigene Werksdaten sammeln, hilft unser Leitfaden zur Datenerhebung.

3. Sekundärdaten durch Lieferantendaten ersetzen

Sobald die Lieferanten-EPDs verknüpft sind, ersetzen Sie die generischen Datensätze in A1 durch sie und reichen die aktualisierten Ergebnisse zur Verifizierung ein. Mit der Emidat-Plattform dauert die Verifizierung ein bis zwei Wochen.

Das Ergebnis ist eine EPD, die zeigt, was Ihr Produkt tatsächlich ist, und nicht, was der Branchendurchschnitt gerade hergibt. In einem Markt, der zu vergleichen beginnt, ist das der Unterschied, der Aufträge entscheidet.

‍

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Primär- und Sekundärdaten in einer Ökobilanz?

Primärdaten (spezifische Daten) werden an dem Ort gemessen, an dem der Prozess stattfindet: in Ihrem Werk für die Produktion, in den Werken Ihrer Lieferanten für die Rohstoffe. Sekundärdaten (generische Daten) stammen aus einer Hintergrunddatenbank wie ecoinvent und bilden einen Branchendurchschnitt für eine Produktkategorie in einer Region ab. Primärdaten beschreiben das Material, das Sie tatsächlich einkaufen; Sekundärdaten beschreiben ein typisches.

Was ist Modul A1 in einer EPD?

EPDs weisen Ergebnisse je Lebenszyklusmodul aus. A1 umfasst die Rohstoffversorgung, A2 den Transport zu Ihrem Werk, A3 Ihre eigene Produktion. Zusammen bilden sie die Herstellungsphase (cradle to gate). Bei Produkten aus zugekauften Materialien, etwa Beton oder Dämmplatten, ist A1 meist das größte Modul. Die Daten für A1 haben deshalb den größten Einfluss auf das Endergebnis.

Kann ich die EPD meines Lieferanten in meiner eigenen EPD verwenden?

Ja, wenn sie geeignet ist. Die Lieferanten-EPD muss EN 15804+A2 folgen, dieselben Charakterisierungsfaktoren wie Ihre Ökobilanz verwenden, die Module A1 bis A3 für eine vergleichbare deklarierte Einheit ausweisen und noch gültig sein. EPDs laufen nach fünf Jahren ab, und EPDs nach der älteren Version +A1 lassen sich nicht verknüpfen. Die Emidat-Plattform prüft diese Kriterien automatisch.

Senken Lieferantendaten mein EPD-Ergebnis immer?

Nein. Primärdaten machen das Ergebnis genau, nicht automatisch niedriger. Schneidet ein Lieferant besser ab als der Branchendurchschnitt, sinkt Ihr Ergebnis. Schneidet er schlechter ab, steigt es. In beiden Fällen kennen Sie Ihre Hotspots, bevor ein Kunde sie kennt.

‍

‍

Automatisieren Sie Ihre EPDs.
Kontaktiere UNS.